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  • Date: Sun, 22 May 2022 20:17:14 +0000

Was wird aus Kultkicker Hinti?
Erstellt: 22.05.2022Aktualisiert: 22.05.2022, 15:28 Uhr

Von: Ingo Durstewitz

Der Hype um Eintracht Frankfurt ist ungebrochen, doch die Bastelarbeiten am
Kader haben längst begonnen – zum Leidwesen von Martin Hinteregger.

Auch das noch. Jetzt hat sich sogar Polterkönig Uli Hoeneß als Fan der
Eintracht geoutet. „Frankfurt ist für uns alle schon ein kleines Vorbild,
dass man in Zusammenarbeit mit der Fangemeinde und dem ganzen Umfeld Berge
versetzen kann“, sagte der krachlederne Oberbayer mit Blick auf die
fantastische Reise der Hessen durch Europa, die am Mittwoch mit dem Triumph
in der Europa League gekrönt wurde. „Ich habe mich wahnsinnig gefreut“,
bekundete der Münchner Ehrenpräsident. „Die Eintracht hat den deutschen
Fußball prima vertreten und wunderbar bewiesen, was man mit toller Energie
und einer großen Empathie erreichen kann. Das tut uns allen gut.“ Gut
gebrüllt, Herr Hoeneß.

Die Begeisterung ebbt einfach nicht ab in und um Frankfurt herum, am Sonntag
ist Sportvorstand Markus Krösche im Stammtisch bei Spor 1 in München mit im
Stehen dargebrachten Ovationen empfangen worden. Der Klub ist auf einmal das
Aushängeschild des deutschen Fußballs geworden, jeder will so sein wie die
Eintracht, die eine innere Kraft entfaltet und nach Außen getragen hat.
Selbst Menschen, die mit Fußball wenig oder gar nichts zu tun haben, standen
am Donnerstag stundenlang auf der Straße im Regen und warteten auf die
Helden, nur um ein Selfie zu erhaschen oder den Pokal mal kurz streicheln zu
dürfen. Selbst in vielen Frankfurter Schulen ist die Eintracht in den
Unterricht integriert, sind Vereinslieder gesungen worden. Es gibt sogar
Wochenpläne für die Kinder, in denen Aufgaben rund um den frischgebackenen
Champion eingearbeitet werden. Zu dem ganzen Hype passt: Dem Vernehmen nach
plant die DFL, das Eröffnungsspiel der neuen Saison mit Beteiligung der
Eintracht steigen zu lassen, natürlich gegen den FC Bayern. Das macht Sinn:
Zum einen sind die Frankfurter schon lange wieder an der Reihe, zum anderen
lässt sich dieses Spiel international prächtig vermarkten. Die Eintracht ist
in die Herzen der Menschen gestürmt, nicht nur in Deutschland, sondern auf
dem ganzen Kontinent. Der Klub hat seine Reichweite in fast schon
unermessliche Höhen schnellen lassen.

Hauge muss jetzt liefern
Irgendwann wird sich aber selbst der Eintracht-Party-Kosmos weiterdrehen,
und klar ist, dass dann nicht mehr alle dabei sein werden, die am Mittwoch
mit Edelmetall bedacht wurden. Der Kader wird an vielen Stellen begradigt
und dann aufgefrischt. Das ist auch dringend nötig, die abgelaufene
Spielzeit hat gezeigt, dass Trainer Oliver Glasner nur einem überschaubaren
Kreis an Profis vertraut, den Kern des Teams stellen 17, 18 Spieler, der
engere Zirkel umfasst vielleicht 14 Profis. Dahinter fällt das Gefälle stark
ab. Dass die Mannschaft dennoch funktioniert, zeigte aber auch das Finale,
in dem Spieler aus der zweiten Reihe auf einmal wichtig wurden und ihren
Mann standen – zwei von ihnen, Christopher Lenz und Ajdin Hrustic,
verwandelte sogar mit Nerven wie Drahtseilen ihre Elfmeter im Shootout.
Respekt. Trainer Glasner hob stets den ausgeprägten Teamgeist hervor, anders
wäre auch ein solcher Coup nicht zu schaffen gewesen.

Und doch werden nicht alle Akteure die Reise in die Champions League mit
antreten dürfen. Fest steht, dass Danny da Costa und Aymen Barkok ablösefrei
zum FSV Mainz 05 wechseln, auch Stefan Ilsanker, einer der Großverdiener,
wird den Verein verlassen. Der Österreicher zeigte aber nicht nur in den
Tagen rund ums Finale, welch herausragender Teamplayer er ist, er
unterstützte die Mannschaft bedingungslos, sein Abschied geht ihm nahe.
Etwas unspektakulärer läuft die Trennung von Stürmer Sam Lammers, der
gefloppt ist und zu seinem Stammverein Atalanta Bergamo zurückkehren wird.
Seine Leihe war ein teures Missverständnis, das Gesamtpaket hat die
Eintracht rund vier Millionen Euro gekostet. Aber Fehlgriffe gehören dazu,
Lammers hat sich jedenfalls nie etwas zu schulden kommen lassen.

Die Zukunft von Erik Durm ist offen, wobei ein Verbleib gar kein Sinn mehr
macht. Der Verteidiger ist zwar noch bis 2023 gebunden, kam aber in der
Rückserie nicht mehr zum Einsatz. Glasner hat ihn aussortiert. Für den
30-Jährigen wäre eine Luftveränderung das Beste, selbst wenn er in Frankfurt
gutes Geld verdient.

Auch bei Ajdin Hrustic gibt es keine Garantie, dass er bleiben darf. Der
ehrgeizige und ungeduldige Linksfuß würde gerne häufiger spielen – das wird
bei der Eintracht schwer. Goncalo Paciencia und Ragnar Ache könnten den Klub
bei entsprechenden Angeboten ebenfalls verlassen.


Das gilt, und das ist die große Überraschung, auch für Martin Hinteregger,
den Kultverteidiger, der nach dem Finalsieg als größtes Partyanimal in die
Annalen eingehen wird und der trotzdem am Wochenende schon wieder als Pilot
einen Helikopter steuerte, den entsprechenden Schein dafür hat er ja. Die
Eintracht würde den 29-Jährigen bei einem entsprechenden Angebot, das nicht
mal astronomisch hoch sein müsste, ziehen lassen. Das ist verbrieft. Der
Österreicher ist zwar der absolute Fanliebling, gilt aber intern nicht als
pflegeleicht. Indes: „Ich will bleiben“, sagte Hinti dem HR. „Aber manchmal
kommen neue, junge Spieler und alte müssen gehen. So ist das im Fußball.“

Sportchef Krösche versuchte am Sonntag, die Wogen zu glätten. „Wir wissen,
was wir an ihm haben und er weiß, was er an uns hat“, sagte er im
Doppelpass. Sein Vertrag läuft bis 2024.
Bleiben soll hingegen Almamy Touré, der als Wackelkandidat galt, im
Saisonfinale aber seinen Wert gezeigt hat. Das kann man von Jens Petter
Hauge nicht behaupten, der Norweger war selbst im Endspiel der einzige
Akteur, der deutlich abfiel. Die Eintracht aber ist verpflichtet, den
22-Jährigen von AC Mailand zu kaufen, das Paket hat einen Umfang von mehr
als zehn Millionen Euro. Hauge, klar, wird sich steigern müssen. Mächtig
steigern.



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